Der Himmel wölbt sich

Wo keine Gastgeber sind, sind auch keine Gäste, sagte ich mir, aber was, wenn die Gastgeberin keinen Gast hat?

Alles ist Paradox oder alles bedingt sich, der Himmel wölbt sich ja noch über uns, Tauben befliegen den schönen Himmel, und Staub kann noch tanzen, es ist nicht aller Tage Abend, und vielleicht liegt das Glück gleich an der Türschwelle, entweder auf der einen, oder auf der anderen Seite.

Schwarzer Regen

In diesen Tagen regnete es viel, der goldene Oktober blieb aus, die Nächte waren kühl, die Tage waren kühl, der Regen fiel in großen, schmutzigen Tropfen, als würde von Blättern, Baumkronen, Dachtraufen, den Dächern aller Schmutz abgewaschen, als würde aus der Luft über Berlin der Dreck gewaschen, er fiel gerade herunter, entweder es regnete, oder es stürmte, aber nicht beides zusammen, ein Glück, sagte Kasia mir, denn so blieben die Scheiben zur Straße, die man sonst jeden einzelnen Morgen hätte neu putzen müssen, doch sauber, nur an den Schuhen kam der Schmutz herein, er klebte auch an den Gesichtern, denn, sagte Stislaw, der zurückkam mit einem Eimer voller goldener Farbe, um die goldenen Streifen leuchtender zu malen und ein paar dunkle Streifen mit Gold zu übermalen, so viele finstere Gesichter habe er sein Lebtag noch nie gesehen. Friedrich rief an, ich sah seine Nummer auf dem Display, und legte gleich wieder auf. Er schrieb mir eine Nachricht, ich solle das Licht heller machen, indem ich mehr Lampen aufstelle oder die Birnen gegen hellere austausche. Es sei zu dunkel.

Wir hatten mit Feierlichkeit das Café wiederöffnen wollen, in solch grauen Tagen war an keine Feierlichkeit zu denken. Beim Trödler hatte ich eine Stehlampe mit einem grünen Schirm gekauft, die Stislaw im Vorbeifahren gesehen hatte, und einen grünen Sessel, wir stellten beide vor das Weinregal, als wären die Flaschen nur dazu da, im Rücken einer Lesenden zu liegen, und wußten nicht, was zu tun wäre.

Dann sahen mich die beiden an und sagten, daß sie mich nicht verlassen, nun aber gehen würden, nicht für lange, aber für ein paar Tage oder wenigstens bis anderntags, damit ich alleine mein Café eröffnen könne, von allen ungestört, ohne eine Unruhe oder Mühe oder Ablenkung, sagte mir Stislaw mit konzentriertem Gesicht, und wenn es voll wäre, könnte ich Linda anrufen, und sie könnte ich auch anrufen, sagte Kasia, bevor sie dann käme, um zu putzen, in ein paar Tagen oder vielleicht auch morgen, und dann nickten sie, dann drehten sie sich um und gingen zur Tür, schlossen die Tür auf, gingen hindurch, und fuhren in Stislaws Auto davon, ohne sich umgedreht zu haben.

Das war die Eröffnung meines Cafés.

Und ich stand mitten im Gastraum, Friedrich hatte vielleicht Recht und das Licht müßte heller sein, denn draußen sah es aus, als wollte es mitten am Tag dämmern, und drinnen sah es aus, als hätte es schon gedämmert. Die Tür war offen, wenn man es auch nicht sah, das Café war offen, man sah es nicht, aber eine Frau näherte sich zielstrebig, sie hielt einen Regenschirm in der Hand, schloß und öffnete ihn ein paar Mal, als wollte sie ein Tier verjagen, und kam herein.

Und bevor sie sich setzte, rief sie schon: Ein Glas Wasser bitte, und bitte einen Capuccino! Sie war mein erster Gast, und ich brachte ihr das gewünschte.

Außer ihr kam niemand am ersten Tag.

Der Regen veränderte die Farben, es klarte wieder auf, wieder fiel dichter, schwarzer Regen, die Zeitungen schrieben darüber sogar im Ausland, die Autos wurden grau, dann kam ein heller Schauer und wusch alles wieder ab, die Leute hatten schwarze Schuhe, in den Läden sah man überall die dunklen Fußabdrücke, vielleicht war irgendwo ein Vulkan ausgebrochen, aber niemand wußte, wo das sein sollte, die Zeitungen schrieben, es sei ein unerklärliches Ereignis, die Leute mutmaßten, es handele sich um Asche anderer Planeten, die Institute forschten und fanden nichts heraus, sogar in der Negev-Wüste und in der jordanischen Wüste regnete es zwei Mal, und obwohl der Regen schwarz war, blühte es danach bunter als jemals, für ein paar Tage trafen sich Jordanier und Israelis und Palästinenser, und man konnte glauben, sie wollten Blumen pflücken.

Der erste Gast kam wieder, ein paar junge Frauen breiteten Baupläne auf dem großen Tisch am Fenster aus und und tranken zwei Flaschen Wein, der Inhaber des Spätkaufes ein paar Häuser stellte sich zu mir an den Tresen und sagte, er habe nie ein so bunt angemaltes Café gesehen, er wünsche mir viel Glück, und dann sagte er, daß er Lothar heiße, Milch und Zigaretten gäbe es immer bei ihm, falls mir, nachts zum Beispiel, etwas plötzlich ausgehe.

Die alte Frau Salow aus dem Haus kam auch, und die junge Frau mit ihrem Baby schaute zur Tür herein. Draußen stellte ich einen Aschenbecher auf einen Tisch. Kasia stellte einen Blumentopf daneben.

Eine Blume wuchst dort nicht, sie verkümmerte, aber ein Kraut, irgend eines, schoß in dei Höhe, wollte auch blühen, doch fraßen sie die Raben oder Krähen, die in der Platane wohnten oder nahe bei.

Manchmal stakte morgens eine Blume darin, prächtig und bunt, die ich befühlte, ob sie echt sei, sie war aus Plastik. Schließlich verging der schwarze Regen, ich hatte täglich drei oder vier Zeitungen im Café, die Herbstferien fielen in diese Zeit, zwei junge Paare kamen täglich, lasen in den Zeitungen und tauschten und fragten, ob es etwas zum Frühstücken gäbe, Kasia brachte Marmelade, die sie in Polen selbst gemacht hatte, Aronie und schwarze Johannisbeere, ich kaufte Croissants und bot an, Spiegeleier zu machen. Eine alte Dame kam auch, sie suchte Friedrich, sagte aber nichts, vielleicht, dachte ich, ist es seine Mutter, sie trug eine helle Strickjacke, darüber eine weiße Weste, darüber einen hellbraunen Regenmantel, ihr Gesicht war kaum geschminkt, sie sah aus, als müßte sie gleich ein weiteres Jahrzehnt der Welt standhalten. Immer waren drei Tische besetzt, immer wieder kamen neue Gäste, manchmal war mir, als kennte ich sie, manchmal war ich müde, weil mir das Stehen und Gehen ungewohnt war, ich sah meine Füße in braunen Schuhen mit dicken Sohlen, dann entglitten mir die Gedanken, wie jemandem, der auf Wanderschaft gegangen ist, um mich waren die freundlichsten Gesichter, und matte Herbstwiesen und Baumreihen in der Ferne, als wäre ich zwischen den Feldern unterwegs, wohin auch immer, die Zeit stand nicht still und verging nicht.

Als der Regen weg war, riss der Himmel auf, die Bäume wurden vom Sturm geschüttelt, die großen Scheiben klirrten, die Gäste klammerten sich an die Tür, es war zu hell, sie kamen rasch nach hinten, wo es dunkler war, drängten sich am Tresen, mieden den großen Tisch zur Straße, wollten so hell nicht sein, die Gesichter nicht so angeleuchtet wissen, ich erschrak, wenn sie hereinkamen, als wären sie nicht sie selber, sondern sie selber als sich Fremde, sogar die ältere Dame in heller Weste und beigem Mantel hatte eine Miene, als würde ihr etwas zustoßen, das sie schon vorausahnte, sie wollte durch den Gastraum, am Tresen vorbei, dann sank sie in meinen Sessel, der halb hinter dem Weinregal verborgen stand. Von den Jungen kamen ein paar, zogen ihre Mützen noch tiefer ins Gesicht als sonst, der Wind hatte sich ja auch festgebissen in den Ohren, es war laut, wie nur stürmischer, stetiger Wind laut ist, die ganze Welt füllt, daß kein Platz bleibt. Stislaw schrieb Nachrichten aus Polen. Kasia sagte, sie müsse Küche und Vorratskammer aufräumen und hinten gründlich putzen nach dem schwarzen Regen. Sie wollte nicht hinaus.