Skepsis

Skepsis heißt auch, sich immer noch einmal umzuschauen.

Meist sieht man leider, was einen aus der Spur bringt. Und das ist doch interessant, daß der genauere Blick einen so gut wie immer zweifeln läßt.

Man könnte argwöhnen, daß man dann ja nie zu was kommt, schon gar nicht zu einer Entscheidung. Das ist aber nicht wahr. Wahr ist, daß es Entscheidungen gibt, die den Spielraum vergrößern und solche, die einengen.

Für wen? fragt sich dann natürlich.

Für viele, ist die Antwort. Etwa für alle, die einem gerade einfallen, auch die, an die man lieber nicht denken würde.

Regeln sind manchmal, aber nicht immer kompliziert.

 

 

Zu Literaturkritik

Professionelle Debatten haben, von außen betrachtet, leicht etwas Verwunderliches. Von was reden die Literaturkritiker, wenn sie öffentlich darüber schreiben, daß man sich der eigenen Kriterien vergewissern müsse oder neue finden, frage ich mich?
Ich bin keine Literaturwissenschaftlerin.
Als Schülerin und Studentin war ich abhängig von Kritiken und Buchändlerinnen, die wenigen Bücher, die ich kaufen konnte, mußten die richtigen Bücher sein, diejenigen, die ich gebraucht hatte, ohne es zu wissen.
Für mich hatten Literaturkritikerinnen die besseren Augen, was die Bücher und auch was mich anging. Sie spürten Sprachlichkeit und Gedanken auf, die ich allein nicht sehen konnte. Manchmal halfen sie, in Büchern, die allein gelesen opak blieben, das aufzuzeigen, was man gesucht hatte. Sie sahen dann vielleicht sogar einen Gedanken, der der Autorin entgangen war oder nicht aufgefallen, auch solche, die die Sprache eingeschmuggelt hatte.
Den Zustand der Literaturkritik kann ich nicht beurteilen, ich bin auch nur sporadische Zeitungsleserin.
Zu eigenen Büchern lese ich die Rezensionen manchmal neugierig und überrascht, manchmal mit verwunderter Langeweile, auf das, was mir wichtig war an Gedanken und Sprachlichkeit, kommen sie nicht immer zu sprechen.
Wenn ich selber eine Rezension schreibe, hoffe ich, die Gedanken, die für die Autorin maßgeblich waren, zu nennen und noch ein paar mehr zu finden, auch solche, die die Autorin überraschen und Leser interessieren. Ich versuche – bei einem literarischem Buch – die Verwendung der Sprache lebendig zu beschreiben und auf Dinge aufmerksam zu machen, die man im Eifer der Lektüre auch übersehen könnte. Schönheit, Witz und Eigentümlichkeit bemühe ich mich herauszuarbeiten, um das Vergnügen beim Lesen zu erhöhen: Vier Augen sehen immer mehr als zwei.
Dabei möchte ich mich nicht von dem ganz ablenken lassen, was mir vielleicht mißfällt, und keinesfalls von dem, was ich für mißlungen halte. Besser etwas ist mißlungen als nichts gewagt.
Da ich als Rezensentin ja schreibe und schreiben so schwierig ist, lese ich wahrscheinlich langsamer und sorgältiger als andere Leser und auch bescheidener. Ich bin mir der Mühe, die es gekostet hat, ein Buch zu schreiben, ja bewußt.
Manchmal ist es gut, hochfahrend zu sein, aber ich finde, es sollte immer mit einer gewissen Theatralik passieren, die das Zweifelhafte der eigenen Sache ausstellt und zu Widerspruch einlädt.
Gedankenreichtum gehört für mich zu den entscheidenden Kriterien beim Lesen, weil ich wenig Zeit zum Lesen habe und es mir oft an Gedanken fehlt. Oft bin ich erpicht auf die genaue Schilderung von Erfahrungen und Emotionenb, die mir hoffentlich erspart bleiben, aus denen ich lesend trotzdem Schlüsse ziehen kann.
Da ich im täglichen Leben auf festen Boden unter den Füßen bedacht sein muß, sogar um den Preis eingeschränkter Wahrnehmung, interessiert mich sehr, wie die Welt auch brüchig und bodenlos ist, und ich bin denen dankbar, die sie so schildern.
Zuweilen lese ich gern Kitsch, sei es, weil ich mich an den Gefühlen anderer wärmen möchte, sei es, weil mich das verrutschte Pathos wachrüttelt.
Da ich nicht von Beruf Literaturkritikerin bin, darf ich jederzeit weglegen, was ich prätentiös, erwartbar, langweilig finde.
Es kommt vor, daß sich ein Text vor mir verschließt, mir die Tentakeln fehlen, ihn zu begreifen, die besondere Wachheit, ihn zu empfinden. Es ist wichtig, das an sich selber festzustellen, denn der Text kann nichts dafür. Generell ist es ärgerlich, wenn Leute ihre eigene Beschränktheit nicht bemerken. Dann fallen einem auch nur schwer Kriterien ein und insgesamt nur wenig.
Wie man scharf und präzise Texte betrachten muß, so auch sich selbst. Bestimmt ist es eine große Kunst, sich ganz Ernst zu nehmen und gleichzeitig zu mißtrauen.
Für Literaturkritiker sollte es vielleicht eine Berufsfähigkeit sein.
Mein entscheidendes Kriterium beim Urteilen über ein Buch ist, ob es mich glücklich macht, das heißt wacher und aufnahmefähiger mir selber und der Welt gegenüber.

siehe Perlentaucher