Der Mord
Alix, Anton und die Anderen – Der Mord (PDF)

Launisch war das Wetter während der ersten zehn Tage im April, es schneite, der Schnee blieb liegen, es hagelte, dann wurde es für zwei Tage heiß, dann kühlte es sich ab, nachts gefror es, und da es regnete, aber auch rasch wieder aufklarte, glänzten morgens im strahlenden Sonnenschein die gefrorenen Pfützen, glitzerten befremdlich, Untiefen im Asphalt, Fallgruben für wen auch immer; wirklich rutschte Clara, als sie zu Fuß zum Bäcker gehen wollte, aus und stürzte und brach sich nichts.

Jeder dachte, der andere wisse mehr als er selber. Die Tische waren seit März und im April Abend für Abend alle besetzt gewesen, die Reservierungen wurden immer zahlreicher, Wang hatte ein großes Buch gekauft, um die Anfragen einzutragen, er zeigte es MaiLinh, aber sie vergaß das Buch und schrieb weiter die Reservierungen auf kleine Zettel, die sie Kazim gab. Sie selber vergaß keinen Anruf, keine Bitte. Einen Tisch hielt sie mittags für Heinrich und seine Familie, auch wenn sie, wie Heinrich ihr gesagt hatte, nur einmal im Monat kommen würden. Er hatte angerufen. Vielleicht hatte er mehr als ein Mal angerufen, Kazim behauptete jedenfalls, es habe wiederholt das Telefon geklingelt, ohne daß sich jemand gemeldet habe. Kazim war davon beunruhigt. Er sagte MaiLinh, er wolle kündigen.
Er sagte, er habe ein böses Gefühl.
Dann blieb er von einem auf den anderen Tag weg.
Phu war da und Su half, MaiLinh wartete auf Kazim, als Wang schon anfing über ihn zu schimpfen, am nächsten Tag zog auch Phu über Kazim her, und Wang sagte, er wolle zukünftig nur noch Vietnamesen beschäftigen, keine Araber mehr.
Sie konnte nicht begreifen, was er tat. Jetzt bereute sie, Heinrich nicht nach seiner Telefonnummer gefragt zu haben. Sie rief sogar Hu an.
Hu antwortete sofort, sie sagte, sie werde nächste Woche mit Wang sprechen, sie wußte von ihrem Sohn, daß Georg mit Kim in einem Nachtclub festgenommen und wieder freigelassen worden war. Sie wußte, man erzählte sich, Wang sei reich, weil er für die Lebensmittel nicht zahle.
Er zahlt nicht für die Lebensmittel? fragte MaiLinh verwirrt. Was meinst du, daß er nicht zahlt?
Daß er ein Abkommen hat, sagte Hu, daß er alles billiger bekommt, und dann sagen die Leute, er würde gar nichts zahlen.
Was für ein Abkommen? fragte MaiLinh.

Sie versuchte Kazim ausfindig zu machen. Sie ging zu Stefano, dem Italiener, der auf der Potsdamer Chaussee ein Restaurant hatte und ein zweites in Schöneberg.
Erst beim dritten Mal traf sie ihn an. Sie sah sofort, daß er sich hatte verleugnen lassen.
Alle reden, sagte Stefano, er war unwillig, ihr Auskunft zu geben. Immerfort reden und reden alle, und dann passiert etwas und keiner weiß, warum es passiert ist.
Was soll passieren? fragte MaiLinh.
Stefano winkte ab. Besser ist es, wenn nichts passiert, sagte er.
Aber wo ist Kazim?
Ich habe ihn weggeschickt, sagte Stefano. Aber er findet mit Leichtigkeit etwas, so schnell, wie er ist, und zuverlässig ist er, sagte Stefano, nie ein schlechtes Wort. Stefanos Miene wurde finster. Anders als dein Bruder, wie heißt er?
Georg? fragte MaiLinh.
Spielt sich auf. Tut so, als wäre er noch zwanzig. Zieht mit diesem Verbrecher rum, diesem Koreaner oder was der ist. Tut so, als hätte er mit den Schlitzaugen nichts zu tun.
Dem würde keiner auch nur zehn Euro leihen.
MaiLinh fuhr auf, die Hand flog in die Luft, Stefano wich gerade noch aus. Er lachte. Familie, sagte er spöttisch, bei euch auch, nicht wahr, egal was das für Typen sind? Ich habe einen Onkel, der sitzt im Gefängnis. Eine miese Ratte, hat seine Frau fast umgebracht, sie ist behindert, sitzt im Rollstuhl. Und ich habe mich seinetwegen mit zwei Deppen geprügelt, es kam zu einer Messerstecherei, der eine hat eine Lunge verloren, kannst du dir das vorstellen? Ich mochte meinen Onkel nicht einmal.
Er ist mein Bruder, sagte MaiLinh, er könnte mein Sohn sein.
Stimmt, ich habe mich schon gewundert, wie eure Eltern das gemacht haben. Stefano musterte sie. Und ihr seid alle alleine.
Ich hatte eine Tochter, sagte MaiLinh. Sie wandte sich ab, um zu gehen.
Wir können keine Kinder haben, sagte Stefano, meine Frau hat vor allen Madonnen in Italien gebetet und gefleht, dann sind wir nach Deutschland gekommen. Dann sagte er, Kazim sagt, jemand hat euch auf seiner Liste.
Auf was für einer Liste? fragte MaiLinh voller Abwehr.
Stefano zuckte mit den Achseln. Weißt du noch, fügte er hinzu, wie es war, bevor ihr hierher gekommen seid?
MaiLinh schüttelte den Kopf. Ich war noch ein Kind, sagte sie. Was spielt das für eine Rolle?

Den ganzen Morgen war sie abgelenkt und unruhig, sie wartete auf Wang, der gegen zwölf Uhr erst zurückkam, in dem kleinen, weißen Lieferwagen, den sonst Kazim gefahren hatte, und ihr auswich, als sie sagte, sie habe mit Stefano gesprochen.
Sie schalt Su, die auf eigene Faust angefangen hatte zu kochen, Su sah sie verschreckt an. Der Gastraum war leer. Es würde, dachte MaiLinh, niemand kommen. Sie ging zur Tür, die noch zugeschlossen war. Wangs Schlüssel steckte, sie drehte ihn um und ließ ihn stecken.
Es war keine Zeit darüber nachzudenken, wo der erste Fehler gelegen hatte; als MaiLinh sah, wie Wang eine schwere Kiste schleppte, in der gefrorene Hühner und große Stücke frischen Schweinfleisch bis oben an den Rand gestapelt waren, fürchtete sie sich, sie wollte zu ihrem Bruder laufen, um ihm zu helfen, aber etwas hielt sie zurück, und als sie sich umdrehte, sah sie, daß die kleine Hai ihr Kind mitgebracht hatte, ein dreijähriges Mädchen, das sich schüchtern an die Mutter schmiegte und eine Melodie summte, ungeschickt und unvollständig, wie um sich selbst zu trösten.
Jana spricht nur Deutsch, sagte Hai, als MaiLinh das Mädchen vietnamesisch ansprach. Ich spreche nur Deutsch mit ihr.
MaiLinh schaute Hai erstaunt an, in ihrem Gesicht war nichts als Hartnäckigkeit und Ablehnung zu sehen.
Warum soll sie Vietnamesisch lernen, sie lebt in Deutschland! Wir sind keine Einwanderer mehr!
Jana hatte sich auf den Boden gehockt, wo sie einen Marienkäfer entdeckte. Ein Käfer!
Ihre Stimme war auch für ein kleines Mädchen auffallend hoch. Ein Käfer, Tante Mai! rief sie zu MaiLinh gewandt. MaiLinh beugte sich zu ihr, der Käfer, staubig und wahrscheinlich halb vertrocknet, krabbelte langsam auf die Hand zu, die ihm den Weg abschnitt.
In der Küche lief die Spülmaschine, MaiLinh eine Pfanne eben auf den Herd gestellt, es war laut, Hai schnitt Zucchini, sie nahm ihre Tochter auf den Schoß.
Der Käfer war froh, den kleinen Händen Janas entkommen zu sein, MaiLinh sah, wie matt er war, wie hastig er trotzdem krabbelte, nur davon, ohne ein rettendes Ziel, denn in der Küche gab es keinen Platz, an dem er sicher war. Vielleicht war er erst aus seinem Winterschlaf erwacht, falls er Winterschlaf gehalten hatte. Vielleicht mußte man ihn doch nur vorsichtig auf ein Papier krabbeln lassen, in der behutsam geschlossenen Hand nach draußen tragen. Vielleicht würde er draußen zu neuem Leben erwachen.
Und so hatte MaiLinh ein Glas genommen, ein Stück Papier, sie wollte nicht riskieren, die Flügel zu verletzen. Wang war eben hereingekommen, er war sofort wieder in den Gastraum oder ins Büro verschwunden. Es war inzwischen ein Uhr, sie würden bald aufmachen können, aber vermutlich lohnte es sich nicht mehr, für Mittagsgäste zu kochen. Sie war hinausgegangen, durch die hintere Tür, die in den Hof führte, der an den Garten des Nachbarhauses grenzte. Ein großer Rhododendron wuchs gleich hinter dem Zaun. Sie ließ den Marienkäfer auf ein Blatt krabbeln, er saß dort ein paar Sekunden wie erstarrt, dann wollte er davonfliegen, es mißlang aber, er taumelte bloß ein Blatt tiefer, verharrte wieder, bevor er versuchte zu fliehen.
Jana hatte bemerkt, daß sie hinausgegangen war, lief hinaus zu MaiLinh. Tante Mai, sagte sie, was hast du denn gemacht? Hast du den Käfer gerettet? Hast du schon einmal jemanden gerettet, ein Tier oder einen Menschen? Vor dem Ertrinken vielleicht? MaiLinh schaute zu ihr hinunter, sie wollte den Kopf nicht schütteln und die Frage verneinen, sie suchte einen Antwort, die weniger enttäuschend für sie beide wäre.
Eine Ameise wenigstens? fragte Jana, als wollte sie MaiLinh helfen, endlich die richtige Antwort zu finden. Oder ein ganz ganz kleines Tier?
Eine Ameise bestimmt, sagte MaiLinh.
Wie denn? wollte Jana wissen. Mit einem kleinen Stock? Mama hat neulich einer Ameise ein Stöckchen gegeben, damit sie aus einer Pfütze heraus konnte.
Ja, sagte MaiLinh. Und weißt du, daß man manchmal sogar einen Frosch vor dem Ertrinken retten muß?
Aber Frösche können doch schwimmen! rief Jana.
Sie schaute zur Küchentür, hinter der man Wang auftauchen und hinausschauen sah. Ist das dein Vater? wollte Jana wissen.
Sie müssen aber manchmal aus dem Wasser, um sich auf einem Stein oder einem Blatt auszuruhen, sagte MaiLinh. Hinter der Glasscheibe hob Wang die Hand, als wollte er winken.
Dann sagte sie, nein, das ist nicht mein Vater. Sie war nicht sicher, ob sie einander anschauten, durch die angelaufene Scheibe, über die Entfernung, die sie trennte, Jana hatte sich auf den Boden gehockt, um eine Ameise mit ihrem Finger zu verfolgen, das winzige Geschöpf rannte, verharrte, Jana wollte es stupsen, damit es weiterlaufe, aber die hellbraune Ameise strauchelte, und als sie sich wieder aufrichten wollte, fehlte ihr ein Beinchen, MaiLinh bückte sich, sie wollte schon mit dem Fuß die Ameise zertreten, aber Jana heulte auf, ein so schriller Ton, so unvermittelt, daß er gar nicht aus dem kleinen Kinderkörper zu kommen schien. Oje, sagte MaiLinh, nun weine doch nicht! Sie nahm Janas Hand. Jana hatte sich aufgerichtet, drehte sich weg, um die Ameise nicht mehr zu sehen, schau‘ mal! sagte MaiLinh, es macht ihr gar nichts aus. Wirklich hatte das Insekt sich an die neue Gewichtsverteilung gewöhnt und lief, fast unvermindert schnell, davon.
In den Hof fuhr ein Auto. Es war ein Kastenwagen, wie ihn viele Restaurants benutzten, MaiLinhs Herz schlug schneller, sie hoffte, Kazim käme zurück. Dann erkannte sie aber den Fahrer, es war einer der chinesischen Geschäftsmänner, die im Winter auf Wang gewartet hatten.
In einem verrückten Impuls hob sie ihre Hand, um dem Mann zuzuwinken, und noch während sie die Hand hob, wußte sie, daß sie verloren hatte, auch wenn sie alle Anmut, alle Schönheit der Welt besäße. Sie winkte aber, und Jana, die ihr zuschaute, lachte und jubelte, hob beide Arme, um ebenfalls zu winken, so daß, nachdem der Fahrer den Kopf zurückgewandt hatte zu denen, die im Fonds des Autos saßen, zwei weitere Köpfe sich nach vorne beugten, um zu sehen, wie sie begrüßt wurden von einer Frau und von einem kleinen Mädchen, und MaiLinh richtete sich auf, um ihre Gesichter zu sehen.
Und ihr Schicksal war entschieden.
Sie spürte Janas Hand, zutraulich und aufgeregt, als sollten sie jetzt aufbrechen, um in den Zoo zu gehen. Muß Mama noch arbeiten? fragte Jana.
MaiLinh schaute zu ihr hinunter.
Nimmst du mich jetzt mit? fragte das Kind. Angestrengt versuchte MaiLinh sich zu konzentrieren. In ihrem Kopf, stellte sie mit Verwunderung fest, blieb alles so matt und undeutlich, wie es den ganzen Morgen gewesen war. Nur der Körper des Kindes war hinzugekommen, seine zutrauliche Wärme, als es sich an MaiLinhs Beine schmiegte.
Was sind das für Männer? fragte sie. Sind das böse Männer?
Das Auto hatte gehalten, es fuhr ein Stück rückwärts, dann erlosch das Motorengeräusch, bis MaiLinh von der Potsdamer Chaussee die Autos wieder hörten konnte, vergingen ein paar Sekunden. Ja, antwortete sie in die Stille, das sind böse Männer.
Es war das Wort, das sie aufwachen ließ, das kindlich gedehnt aus Janas Mund kam, als sie ihre Frage wiederholte, böööse, voller Zutrauen darein, daß auch der größte Schrecken ihrem Leben nichts anhaben könne.
Jana, sagte MaiLinh, du mußte jetzt genau tun, was ich dir sage. Sie hockte sich vor das Kind und suchte in ihrer Jackentasche nach der Visitenkarte, die Heinrich ihr gegeben hatte mit einem Gesicht voller Verlegenheit und Zuversicht, und die sie seither immer bei sich trug. Dann hörte sie die Autotür.
Lauf‘ zu deiner Mutter, wollte sie schreien, sie sah den Fahrer, der den Motor wieder angelassen hatte, aussteigen und mit raschen Schritten zum Vordereingang eilen, während die anderen zwei Männer zur Küchentür gingen, gemächlich, als wollten sie auf MaiLinh warten. Jana, sagte MaiLinh und sah, das Kind würde anfangen zu weinen.
Jana, sagte MaiLinh, du nimmst die Karte und gehst vorne zu der großen Straße, da zeigst du jemandem die Karte, hörst du?
Sie schüttelte den Kopf und zeigte auf die Küchentür. Ich will zu meiner Mama, sagte sie.
Nein, sagte MaiLinh, das geht jetzt nicht.
Einer der Männer drehte sich zu ihr und machte eine Bewegung mit der Hand, ohne sie aus dem Mantel zu ziehen, der andere beugte sich zu ihm, sagte ihm etwas mit einer wegwerfenden Geste, aber Tsiang schüttelte den Kopf. Er rief sie beim Namen. Mai-Lin!
Wer ist das? fragte Jana. Ist das dein Freund?

Das Geräusch wurde von dem laufenden Automotor und dem Straßenlämr beinahe übertönt, es war ein Knall, der die Ohren stumpf ließ, und im ersten Moment empfand sie etwas wie Erleichterung, als hätte eine Warterei jetzt endlich ein Ende; es schien auch nichts geschehen zu sein, das Kind war nur gegen ihre Knie gesunken und hatte aufgehört, Fragen zu stellen, die Karte hielt es fest in der Hand, es seufzte.
Sie dachte, wie viele Jahre vergangen waren, ohne daß sie je versucht hatte, etwas zu verändern, und sie begriff, daß es nicht Angst gewesen war, die sie gelähmt hatte. Sie streichelte die Schulter des Kindes. Wie still es war. Und wie sie alle an die Angst glaubten, als wäre sie ein Evangelium. Du glaubst nicht mehr an die Angst, murmelte MaiLinh. Sie hob den Kopf, am Himmel wurden weiße Wolken leuchtend vom Wind fortgetrieben. Der kleine Körper war schwerer, ihr war, als schiebe er sie von ihrem Platz aus der Welt.
Sie wollte aufstehen, sie würde das Kind tragen.

Wang stand im Durchgang, er hörte, wie jemand von außen die Tür seines Restaurants aufschloß und wunderte sich, daß er keinen Ärger empfand. Seine Schwester hatte recht, es war Zeit, das Restaurant zu verkaufen. Er schaute auf den Hof hinaus, die beiden Männer standen noch draußen, schauten zu MaiLinh und dem Kind, das MaiLinh im Arm hielt. Hai rührte sich nicht. Sie hielt in ihrer Hand ein Sieb, mit der anderen stützte sie sich auf den Tisch. Ihre Augen waren zum Hof gerichtet, aber es war, als reichte ihr Blick nicht bis zu ihrer Tochter. Es war, als schaute sie in sich hinein. Wang wollte den Kopf schütteln und sie rufen. Sein Mund öffnete sich, ihm war, als würde die stehengebliebene Zeit hineingestopft, so daß die Töne nicht hinauskonnten, und zu atmen war schwer, er hörte auch Hais Atmen nicht. Alles bleibt stehen, dachte er, die Männer nur bewegten sich, ruckhaft aber und unruhig, so daß sie ihn verwirrten, der jüngere von beiden flüsterte etwas, und wie sich an einer Pappel oder Birke in einem starken Wind die Blätter bewegten, so schienen ihre Gesichter in einem trüben Licht zu zittern wie vor einem Unwetter. Die Lichtreflexe wurde hin- und hergeschickt, bis sie erloschen. Die Stille war ein Erlöschen, das trübe Licht war ein Erlöschen, denn draußen wurde jetzt die Sonne von einer Wolkenfront bedrängt, im Hof stand noch immer seine Schwester mit diesem Kind, und Hai fing aus dem Unhörbaren an zu sprechen, Wang wollte die Augen schließen, damit er sie hören könne, sie und den einen der Chinesen, der sich Peter nannte, denn auch er, es war kein Summen, kein Flüstern, eher etwas wie das Rascheln eines weichen Papiers, auch er fing an zu sprechen, wenn man es so nennen konnte, wenn man es so nennen konnte, jetzt hielt er die Tür auf, er drehte sich zu Hai, sie schaute noch immer vor sich hin, hob nicht den Kopf dahin, wo MaiLinh immer näher kam.
Sie hat recht, dachte Wang noch einmal. Er würde es ihr sagen, sobald sie das Mädchen endlich abgesetzt hatte, er würde ihr sagen, daß er ihr Recht gab und daß sie das Restaurant verkaufen sollten. Vielleicht könnten sie gemeinsam in die Heimat fahren und zu Marias Grab gehen. Der kalte Wind fuhr in die Küche. Der Mann, der durch den Haupteingang gekommen war, erschien, leise, wie verwundert über die Stille, mit einem Lächeln auf dem Gesicht in der Küche, Wangs Schlüssel hielt er in der Hand.
Seid ihr noch alle da? fragte er spöttisch. Er schaute zu Tsiang, der eine unsichere Bewegung mit der Hand machte. Baos Blick ging zu Feng und wieder zurück. Was ist hier los? fragte er. Wo ist das Geld? Er wandte sich zu Wang.
Wang wies mit dem Kopf auf die Bürotür, den Schlüssel hatte der Chinese in der Hand.
Bao nickte und ging auf die Tür zu, versuchte erst den falschen, dann den richtigen Schlüssel. Pass‘ auf sie auf, sagte er zu Tsiang.
Aber Hai schrie.

Es gab nicht den Augenblick des Begreifens, nicht den Schock, in dem sie wußten, was sie erwartete, es gab nur noch den Schrei und die Stille.
Was habt ihr mit meiner Tochter gemacht!
MaiLinh kam näher.
Bao fuhr herum und packte Hai. Was ist hier los? Tsiang, was ist los?
Tsiang zog aus der Manteltasche die Pistole.
Bao schaute ihn mit zusammengekniffenen Augen an, er hielt Hai an einem Arm, sie wehrte sich nicht, sie stand da, schaute zu MaiLinh, die stehengeblieben war, man sah jetzt ihr Gesicht, es war unsicher, der Zweifel, die Hoffnung, die sie noch hatte, zerstörten das Entsetzen, und mit dem Entsetzen zerstörten sie alles, was MaiLinh geblieben war. Es war nicht der Tod, der als nächstes kam.

Keiner hatte auf Su geachtet, die aus dem hinteren Vorratsschrank Reis und Kokosmilch geholt hatte und wie ein schmaler Schatten am Fenster stand, hinter dem Ruhe eingekehrt war, da der Himmel sich gleichmäßig bedeckt hatte und die Vögel in den wieder stillen Hof zurückgekehrt waren, darunter ein Eichelhäher, der auf der kleinen Vogelweide saß, auf einem Ast, zu dünn für sein Gewicht.
Su hielt sich am Tisch fest, ihre Finger tasteten die scharfe Kante des Metallbandes, das den Tisch einfaßte.
Neben ihr stand der CD-Spieler, den Kazim einmal mitgebracht hatte, gegen Wangs Willen, der Musik nicht leiden konnte, keine Musik. Kazim hatte zwei Cds von Aisha mitgebracht, und Su hatte er eine Platte von Tracy Chapman geschenkt, die sie oft gehört hatten, so oft, bis Su die Texte hatte mitsingen können und sogar MaiLinh einige der Melodien gesummt hatte, unter Kazims Gelächter, wenn Wang nicht dagewesen war, und wenn die Musik das Schreien Hais übertönen könnte, dachte Su, während sie sich an die Tischplatte klammerte, sie starrte Hai an, es war, als wäre sie an dem Schmerz schuld.
So sah sie einen Moment später als die anderen, daß Tsiang die Waffe, die er aus der Manteltasche gezogen hatte, auf Hai richtete, mit einem verzweifelten Gesicht, das aussah, als hätte man ein Stück herausgebrochen, als fehlte ein Stück seines Gesichts, der Mund oder das Herz, dachte Su, als sie ihn anschaute.
Clark hatte er auch erschossen, ging Tsiang durch den Kopf, obwohl er wußte, daß das nicht stimmte. Er würde später, wenn sie hier fertig waren, mit dem Auto nach Müncheberg fahren, durch den Ort hindurch, bis zu der kleinen Straße, die auf das Gelände der früheren LPG führte. Der Esel würde seinen Kopf aus dem Fenster des Stalles strecken, in dem er untergebracht war, sobald er Tsiangs Stimme hörte, und er würde rufen, wie er sich angewöhnt hatte zu rufen, sobald er Tsiang sah, seinen Lebensretter und Freund.
Es mußte jetzt still sein, dachte Tsiang. Su schaute ihm ins Gesicht, ohne seine Augen zu finden, der Mund hatte alles an sich gerissen, und dann stand sie noch da, als wollte sie jetzt etwas sagen oder fragen. Aber wenn das Kind noch lebte? fuhr es Tsiang durch den Kopf. Wenn er es nicht getötet hätte?
Bao lachte. Er rief etwas auf Kanton, das Tsiang nicht verstand. Feng antwortete. Seine Stimme klang ärgerlich.
Jetzt war es aber angenehm ruhig, er hatte keinen Grund, sich zu ärgern, dachte Tsiang.
Dann sah er, daß die Frau, die auf dem Boden lag, blutete. Es dauerte einen Moment, bis er begriff, daß sie blutete. Das Blut breitete sich viel langsamer aus, als er sich vorgestellt hatte. Er konnte die Augen nicht abwenden. Hai war auf die Seite gefallen, ihre Haare verdeckten das Gesicht zur Hälfte, den Mund sah man noch, und Tsiang kam es vor, als würde sie sich bewegen.
Su beachtete er nicht. Die junge Frau war so unaufällig, so schmal, er hatte ihr den Rücken zugedreht, er sah eine Bewegung, und dann fing wieder das Geschrei an, alle schrien, MaiLinh und ihr Bruder, der einen Umschlag vor sich hinstreckte, und Bao schrie und Su schrie auch, sie hielt das Fleischmesser in der Hand, das Kazim gekauft hatte, um es Wang zu schenken, sie bewegte sich so schnell, daß Tsiang nicht reagieren konnte, er stand bloß da, und Bao stieß ihn zur Seite, so daß die Klinge von Tsiangs linkem Arm abrutschte.
Es war still, jedenfalls kam es Tsiang so vor. Verwirrt schaute er in die Gesichter. Feng stand da, als langeweilte er sich. Dann sagte er etwas. Wang drehte sich zu ihm, streckte ihm den Umschlag hin. Feng lachte. Er machte eine Handbewegung zu Tsiang. Das Blut lief den Arm hinunter und tropfte auf den Boden, Tsiang sah sich von oben, als schwebe er, er sah, daß er noch immer fast bewegungslos stand, während Bao neben ihm Su festhielt, die nicht mehr schrie, und es war, als könnte jetzt alles seinen Gang gehen, sie könnten das Geld nehmen und das Restaurant verlassen, Tsiang dachte, daß sie nicht zurückkehren würden.
Er sah, daß er nicht fest auf den Beinen stand. Er spürte es nicht wirklich, nur wie Sachen nach rechts und links glitten, Sachen, die er anschaute, ein dickes Holzbrett, auf dem roten Paprika lagen und ein großer Kanister, und dann bewegte sich etwas auf dem Boden. Gegenüber war eine Uhr. Zwei Minuten waren verstrichen.
Bao stieß Su auf ihn zu, nachdem er sie losgelassen hatte, und streckte Tsiang das Messer hin. Mach‘ schon, sagte er laut.